Die Pferdeköpfe von Schoonebeek
Für diejenigen, die als Kind in den 1960er‑ bis 1980er‑Jahren des 20. Jahrhunderts gelegentlich durch Südost‑Drenthe kamen, ist der Höhepunkt des „Ja‑Nicker‑Zählens“ sicherlich noch in guter Erinnerung. Entlang der zweispurigen Straße bei Schoonebeek bot sich ein faszinierendes Schauspiel: Hunderte von Öl‑Nickern (auch „Pferdeköpfe“ genannt), die man kilometerweit in gleichmäßigem Auf und Ab sehen konnte, wie mechanische Roboter. Man begann immer wieder von Neuem zu zählen, doch nach einer Weile schweiften die Gedanken in die Fantasie ab, und man stellte sich vor, sie würden einen zerquetschen, käme man ihnen zu nahe.
Schoonebeek wurde zwischen 1300 und 1333 als Torfkolonistendorf gegründet und gehört zusammen mit Ruinerwold zu den ältesten Entwässerungs‑ und Kultivierungsdörfern Drenthes. Der Name Schoonebeek leitet sich von einem klar fließenden Bach auf sandigem Untergrund ab. Das Wasser war auffallend sauber im Vergleich zu den sonst dunklen Gewässern des Moorlandes.
Im Jahr 1943, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, entdeckte die Bataafse Petroleum Maatschappij ein gewaltiges Erdölfeld unter Schoonebeek. Es handelte sich um das größte Ölfeld der Niederlande und sogar eines der größten in weiten Teilen Europas. Öl war damals äußerst wertvoll, da es sowohl als Brennstoff als auch als Rohstoff für die Kunststoffherstellung diente. In der Folge wuchs das Dorf stark, und es wurden zahlreiche Arbeiterwohnungen für Beschäftigte der Nederlandse Aardolie Maatschappij (NAM) errichtet. Die Wohnhäuser an der Julianalaan, der Norbruislaan, der Hankenhofweg sowie die reformierte Kirche wurden vom Architekten Arno Nicolaï entworfen.
Das unter Schoonebeek vorkommende Öl war jedoch nicht klar und gelb, sondern dick, zäh und stark viskos. Um dieses „schwarze Gold“ aus dem Boden zu fördern, waren spezielle Pumpen erforderlich, die sogenannten Pferdekopfpumpen. Zu diesem Zweck wurde 1947 die Nederlandse Aardolie Maatschappij gegründet. Zwischen 1947 und 1996 nickten rund 400 Öl‑Nicker rund um Schoonebeek und förderten insgesamt etwa 250 Millionen Barrel Öl. Um das Pumpen zu erleichtern, wurde Dampf in das Öl injiziert. Anschließend wurde das Öl per Eisenbahn vom Rangierbahnhof Schoonebeek abtransportiert.
Dies brachte Schoonebeek großen Wohlstand, denn nach dem Krieg befand sich die Wirtschaft in einer schlechten Lage, und die Arbeitslosigkeit war hoch. Die Öl‑Nicker waren daher für die Bevölkerung von Schoonebeek, aber auch für Drenthe und die gesamten Niederlande, äußerst willkommen, da sie erhebliche Einnahmen generierten.
Dass die Ölförderung auch Gefahren barg, zeigte sich deutlich am 9. November 1976. Ein Mitarbeiter machte einen Fehler, wodurch das Absperrventil an einem der Bohrlöcher versagte. Für die Einwohner von Schoonebeek hatte dieses „Versehen“ schwerwiegende Folgen: Eine klebrige Schicht aus Öl und Sand legte sich über das Dorf. Zwei Tage lang schoss ein dichter Nebel aus Wasser, Öl und Sand in die Luft und bedeckte ganz Schoonebeek. Erst nach zwei Tagen gelang es Technikern, das Bohrloch zu verschließen. Anschließend ließ die NAM das Dorf durch Reinigungstrupps säubern und zahlte zahlreiche Entschädigungen für die entstandenen Schäden.
1996 wurde die Förderung der zähen Ölsorte unrentabel und eingestellt. Das sogenannte schwarze Gold bestand zu diesem Zeitpunkt nur noch zu etwa fünf Prozent aus Öl; die restlichen 95 Prozent waren Salzwasser. Dadurch sank der Ertrag so stark, dass sich die Förderung nicht mehr lohnte. Sämtliche Anlagen wurden demontiert und abgebaut, obwohl sich noch große Ölmengen im Untergrund befanden. Lediglich einige wenige Öl‑Nicker blieben als Erinnerung stehen.
Im Januar 2011 wurde die Ölförderung in dem Gebiet durch Shell wieder aufgenommen, jedoch ohne die bekannten Ja‑Nicker. Die NAM setzt seitdem eine neue Technik ein, bei der unter niedrigem Druck heißer Dampf injiziert wird, um das dickflüssige Öl aus dem Boden zu lösen. Das geförderte Öl wird anschließend zu einer Raffinerie im deutschen Lingen transportiert. Durch die Wiederaufnahme der Förderung in Schoonebeek haben sich die niederländischen Erdölreserven um fünfzig Prozent erhöht. Auf der anderen Seite des Schoonebeekerdiep, auf deutscher Seite bei Emlichheim, sind die bekannten Öl‑Nicker hingegen noch zahlreich in Betrieb. Das dort geförderte Öl befindet sich im Besitz von Wintershall.
Die Öl‑Nicker, die einst bei Schoonebeek im Einsatz waren, sind heute nahezu alle verschwunden. Einer von ihnen ist jedoch noch im Zentrum von Schoonebeek zu finden. Nach Angaben des niederländischen Ministeriums für Bildung, Kultur und Wissenschaft wird dieser voraussichtlich den Status eines Reichsdenkmals erhalten.