Wilm’s Boô, Nieuw‑Schoonebeek
Seit dem 13. Jahrhundert gibt es in Europa sogenannte Uithöfe (Boôën), meist in Verbindung mit Klöstern und Bauernhöfen. Sie dienten dazu, Vieh oder Gerätschaften von weit entfernten Höfen unterzubringen. Während des Achtzigjährigen Krieges wurden solche Uithöfe auch Grangien genannt. Die Nutzung eines solchen Hofes war in der Regel zeitlich begrenzt.
Rund um Schoonebeek kamen die Boôën im 17. Jahrhundert vermehrt auf, da seit dem 16. Jahrhundert die Nachfrage nach Fleisch in den westlichen Landesteilen stark anstieg. Die Bauern ließen ihr Vieh weit entfernt von ihren Höfen weiden, entlang des Schoonebeekerdiep. Im Sommer blieb das Vieh auf der Weide, im Frühjahr und Herbst wurde es zugefüttert und in den vorhandenen Boôën untergebracht. Nur einmal im Jahr, im Winter, kehrte das Vieh zu den eigenen Höfen zurück. War es „fett genug“, wurde es zur Schlachtung in das deutsche Rheinland oder in IJsselstädte wie Zwolle getrieben.
Der Hirte, auch Boôheer genannt, schlief in der Boô stets bei seinem Vieh. Boôheren waren meist ledig und im Dienst des sogenannten Broodheer. Häufig handelte es sich dabei um die ältesten Söhne eines Bauern. Sobald der Boôheer in der Boô angekommen war, kehrte er nur etwa alle zwei Wochen nach Hause zurück, um saubere Kleidung und Vorräte zu holen. Er erhielt stets eine Milchkuh und einige Hühner, deren Ertrag – Milch und Eier – er für sich behalten durfte. Im Winter zog der Boôheer mit seiner Herde wieder zurück zum Hof.
Eine Boô bestand anfangs nur aus einem einzigen Raum und wurde aus einfachen, günstigen Materialien errichtet: Wände aus Stroh oder geflochtenen Zweigen, die mit Lehm oder Kuhmist verschmiert waren, sowie Strohdächer. Später wurden die Boôën in zwei Räume unterteilt: einen Stall für das Vieh und einen kleinen Wohnraum mit Feuerstelle für den Hirten. So konnte der Hirte auch im Winter in der Boô bleiben. In noch späterer Zeit kamen häufig Heuschober hinzu.
Die einzigen Orte in den Niederlanden, an denen noch Boôën zu finden sind, sind Nieuw‑Schoonebeek und Schoonebeek. Nieuw‑Schoonebeek war im deutschen Ort Ringe sogar als „Boôëndörp“ bekannt. Auch in Ringe selbst sowie entlang der Ems standen einst mehrere Boôën, von denen heute nur noch wenige an ihrem ursprünglichen Standort und im Originalzustand erhalten sind.
Die Wilm’s Boô und die Hekman’s Boô sind die letzten Boôën in dieser Region. Die Hekman’s Boô befindet sich allerdings nicht mehr an ihrem ursprünglichen Standort an der Beekweg, da sie für den Wohnungsbau abgebrochen wurde. Eine Nachbildung der Hekman’s Boô steht heute an der Europaweg auf dem Gelände des Milchviehbetriebs De Katshaar.
Die Wilm’s Boô wurde im Jahr 1654 erbaut und ist die letzte erhaltene Boô der Niederlande. Sie befand sich im Besitz der Familie Jan Wilms, die sie 1975 an die Drentse Oudheidkundige Stichting De Spiker übertrug. Leider wurde die Wilm’s Boô bei einem Brand im Jahr 2004 vollständig zerstört. In Zusammenarbeit mit Het Drentse Landschap begann im März 2005 der Wiederaufbau. Die rekonstruierte Boô wurde am 4. Juni 2008 feierlich von Prinzessin Margriet der Niederlande eröffnet und befindet sich heute im Eigentum von Het Drentse Landschap.
Heute wird die Wilm’s Boô als Wohnhaus vermietet. Das Nebengebäude (ehemaliger Stall) dient als Ferienwohnung (siehe: https://www.wilmsboo.nl/).
Wissenswert: Das Wort Boô stammt ursprünglich vom niedersächsischen Wort „Bude“, das „Stall“ bedeutet