Der Rote Franz
Ich grüße Euch! Man nennt mich den Mann von Neu Versen, andere nennen mich den Roten Franz, obgleich ich selbst mit beidem ehrlicherweise nichts anzufangen weiß.
Es ist so viele Jahre her, dass ich sie kaum noch zählen kann. Weit und breit erstreckte sich hier damals das Moor. Nur, wo der Untergrund sandiger und trocken war, stieß man auf einzelne Gehöfte und kleine Siedlungen. Nicht, dass die Häuser dieser Leute vergleichbar gewesen wären mit denen jenseits des Rheins, wo es große Städte mit riesigen Tempeln und Palästen gab. Ganz anders als hier waren die Menschen dort so wohlhabend, dass sie sich hinter hohen Mauern schützen mussten, zumal in diesen unsicheren Zeiten.
Obwohl ich mich nicht mehr genau daran erinnere, meine ich, dass ich solche Städte gesehen hätte, denn ich war einst viel unterwegs. Ein Reiterkrieger bin ich gewesen, vielleicht sogar zeitweise in Diensten der Römischen Armee. Einmal bin ich im Kampf schwer verwundet worden. Ein Speer hatte mich an der Schulter erwischt und aus dem Sattel gefegt. Doch den Göttern sei Dank war die Heilung günstig verlaufen, nur manchmal merkte ich noch ein leichtes Ziehen.
Ich weiß nicht mehr, ob ich auf der Durchreise war und damit zur falschen Zeit am falschen Ort, oder ob ich in der Gegend wohnte und es um etwas Persönliches ging. Hier ganz in der Nähe haben sie mir aufgelauert. Ein tiefer Stich in den Hals besiegelte mein Schicksal. Von meinen Habseligkeiten haben sie mir nichts gelassen. Schließlich warfen sie mich rücklings in eine feuchte Senke im Moor, wo ich für viele viele Jahre liegenblieb, bis das Moor über mir zusammenwuchs.
Vor gar nicht langer Zeit, es mag vielleicht 100 Jahre oder etwas mehr her sein, waren junge Leute, ein Geschwisterpaar im Moor, um Torf zu graben. Dabei erwischte der Junge einen von meinen Beinknochen. Ho, was hat er sich verjagt, als er merkte, auf was er da gestoßen war! Immerhin taten mir die Leute nun den Liebesdienst, den mir vorzeiten niemand hatte tun wollen. An der Friedhofsmauer in Wesuwe (gesprochen: Wee-su-wee) bekam ich ein Begräbnis mit einem eigenen Sarg. Doch mittlerweile hatten sich Nachrichten über mich verbreitet. Statt mich in meinem Grab zu lassen, brachte man mich in eine Stadt namens Hannover, in eine Art Tempel, den sie „Museum“ nennen, um mich dort eingehend zu untersuchen. Als „Roter Franz“ wurde ich bekannt, denn meine Haare, die einmal blond gewesen waren, hatte die Moorsäure in loderndes Rot verwandelt, meine Haut dagegen war tiefschwarz gegerbt.
Wenn Ihr mich in Hannover einmal besuchen kommt, bitte ich Euch nur um eines: Seht mich nicht an wie eine Kuriosität oder Abscheulichkeit, die Euch den wohligen Schauer über den Rücken jagt. Erinnert Euch vielmehr daran, dass ich mit all meinen Wünschen und Ängsten einst genau das war, was Ihr heute seid.